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Von Leben, Vergehen und Tod

Eindrücklicher erster Openair-Kino-Abend in Steckborn: «Die letzte Pointe» – Film von Rolf Lyssy im Turmhofareal

(jo) Schliesslich hatte der Wettergott doch noch ein Einsehen: der Regen hörte am Freitag zum ersten Openair-Kino dieses Jahres mit dem Film: «Die letzte Pointe» auf, die Stühle wurden trocken gewischt und ein kaputtes Kabel für den Beamer konnte schnell ersetzt und neu gestöpselt werden – Aufatmen bei Felix Lieberherr, Geschäftsführer der Stiftung Turmhof, und seinen Mitarbeitern, als der Vorspann des Filmes auf der Leinwand aufleuchtete. Rund 20 ZuschauerInnen hatten es gewagt, in den Steckborner Turmhof zu kommen und den Film anzusehen. Es war sicher sehr gut, dass in einem kurzen Gespräch von Bea Petri, in Steckborn nur zu gut bekannt, da sie hier wohnt und arbeitet und auch weiterhin ihr Engagement für Burkina Faso/Afrika ausführt, und der Schauspielerin, Suly Röthlisberger, die in dem Film «Die letzte Pointe» die Tochter (Chantal Blum, die Pfarrerin) der Hauptdarstellerin, Gertrud Forster (Monica Gubser) spielt, so dass die ZuschauerInnen schon ein wenig in den Film einsteigen konnten, der auf der einen Seite die Problematik von Vergehen, Sterben, Angst und dann doch der Liebe, die das Leben weiterführt, thematisiert. Regisseur Rolf Lyssy hatte sich jedoch entschuldigt. Er sei gestern schon in Kreuzlingen nass geworden und befürchtete einen zweiten regnerischen Abend. Dass ihm dieses mit 82 Jahren zu viel wurde, lässt sich gut nachempfinden. Die ZuhörerInnen erfuhren von der sehr langen Entstehungsgeschichte dieses Films – insgesamt zehn Jahre. Ein langer Prozess, wie Suly Röthlisberger zugab, was aber an den Vorarbeiten gelegen habe – die eigentlichen Dreharbeiten hätten nur acht Wochen gedauert: «Wir hatten eine grossartige Crew». Eine Frage von Bea Petri zielte tiefer: «Wenn Menschen in Afrika den Film, die Proben und die Auseinandersetzung mit dem Tod sehen würden – sie würden das wohl nicht verstehen»? Suly Röthlisberger: «Wahrscheinlich nicht».

Problematik der Demenz

In dem Film treffen sich vier Töchter-Generationen: Die Mutter, 89 Jahre alt, ihre Tochter, Enkelin und die elfjährige Urenkelin Lisa, ein wunderbar modernes Mädchen, das extrem gut auf der «Klaviatur des Laptops» spielt, aber ein Geschehen in Gang setzt, das nicht so gewollt war. Keine Frage, der Film war ausgezeichnet gemacht. Hervorragend die Regie, gespielt und ebenso beeindruckend die Filmaufnahmen von Elia Lyssy, Sohn des Regisseurs.

Doch die Problematik des Films liegt wo anders: Gertrud, an sich sehr rüstig, vital und selbstständig, glaubt plötzlich, dass sie in eine Demenz hineinrutscht, als der freundlich lächelnde Georg aus England mit einem grossen Blumenstrauss vor ihr steht und lächelnd behauptet, sie habe ihn doch über ein Online-Dating für Senioren angeschrieben. Sicher, Gertrud hatte hin und wieder schon mal etwas vergessen, aber nichts Beängstigendes. Nun aber glaubt sie, dass mit ihrem Kopf wohl doch etwas nicht in Ordnung sei, sie eine Demenz habe, denn sie kann sich überhaupt nicht daran erinnern, George jemals angeschrieben zu haben. Nun aber will sie ihrem Leben ein selbstbestimmtes Ende setzen. Kontaktiert sogar einen Sterbehelfer. Niemand glaubt ihr, dass sie dement sei, aber sie weiss es besser: «Das ist doch mein Kopf». Wir haben den Tod weitgehend aus unserem Leben verbannt, das Sprechen darüber gelingt kaum. Auch dieser Familie nicht. Gertrud spielt die Rolle der Demenzkranken ausgezeichnet und bringt auch mit manchen Bemerkungen oder Verhaltensweisen die ZuschauerInnen zum Lachen. Aber eine Demenz ist niemals etwas zum Lachen:
dafür ist sie etwas viel zu Ernstes und Belastendes. Wer eine Demenzkranke oder einen Demenzkranken über Jahre betreut hat, auch erleben musste, wie dessen geistige Kräfte immer mehr
nachlassen, der nicht mehr fähig ist, so adäquat zu reagieren, wie Gertrud es tut, kann die beabsichtigte Komik kaum erkennen. Oder auch: Diese Demenz stimmt so nicht. Die Frau eines in der Pause angesprochenen Ehepaares meinte, dass sie wohl über manches habe lachen können, aber dass eine Demenz wohl anders aussehen würde.

Und die Pointe?

Nach der Pause wird klar, dass diese Demenz tatsächlich nicht existiert, als Gertrud herausfindet, dass ihre Enkeltochter das Online-Dating für Senioren in Gang gesetzt hat. Nun kann das Leben wieder einsetzen. Tochter und Enkeltochter haben sich bereits schon jeweils verliebt. Die Pfarrerin in George, und die Enkelin Meret in den angeblichen Gartenarchitekten, der aber der von Gertrud engagierte Sterbehelfer ist. Gross wird der 90. Geburtstag Gertruds gefeiert. Mit riesigen Blumensträussen und einer Rede Gertruds. Aber, ja: Wo bleibt die letzte Pointe? Gertrud trinkt auf das Wohl der ganzen Familie, legt sich auf die Couch, um sich etwas auszuruhen – und ist sehr schnell nach wenigen Minuten tot. Sie hat ihren Vorsatz wahr gemacht: einen selbstbestimmten Tod zu sterben. Und das an ihrem Geburtstag? Am Samstagabend ging das Openair-Kino in die zweite Runde.